Interview mit Renata & Dragisa Jocic aus Bern. Teil 1/3

Das Fest ist für Ende Jahr geplant (Herbst). Gleichzeitig übe ich seit 30 Jahren Aikido und mein 50jähriger Geburtstag steht an, also 3 runde Feiertage.

Renata Jocic in ihrem Dojo »aikido schule-Bern«.
Renata Jocic in ihrem Dojo »aikido schule-Bern«.

Renata: Warum möchten Sie ein Interview mit uns führen?


Aidiko-Journal: Vor Jahren hatte ich die Idee zu einer neuen Artikelreihe, die ich mit dem Titel »Aikidokas« bezeichnete. Ich stellte fest, dass die Leser diese Artikel »verschlangen«, ja dass diese Artikel für viele den Grund bildeten, überhaupt zum Aikidojournal zu greifen.

Renata: Weil es um den Menschen, nicht allein um die Sportart ging?


AJ: Exakt, die Identifikation mit dem Erzählenden hat ganz offensichtlich Spass gemacht.

Dragisa: Ich lese auch gerne »Geschichten«, besonders gerne von »Nicht«-Japanern. Von ihnen kennt man schon fast alles, sie stehen ja meist an erster Stelle, wenn es um Veröffentlichungen geht. Der »andere« Aikidoka aber, derjenige, der ebenso viel erarbeitet, sich ebenfalls entwickelt hat, von dem hört man weniger. Obwohl er vielleicht mehr Potential an Spontaneität aufweist, geht er oft unter. Das, was die Aikidokas in Europa oder sonst wo in der Welt machen, interessiert mich viel mehr. Insofern freut es mich, wenn ich im Aikidojournal von relativ unbekannten Aikidokas lese. Denn sie sind genauso gut und es steckt ebenso viel, wenn nicht sogar mehr Arbeit hinter ihrem Wirken! Denn sie können nicht vom »hausgemachten japanischen Image« zehren, von der »Selbst-Verständlichkeit« des japanischen Aikidokas.


AJ: Ihr sagtet im Vorgespräch, dass die Aikido-Schule-Bern ihr »10 Jahre-Jubiläum« feiern kann?

R.: Richtig, dieses Jahr feiern wir unser 10jähriges, es wird sicherlich ein Fest stattfinden.

D.: Das Fest ist für Ende Jahr geplant (Herbst). Gleichzeitig übe ich seit 30 Jahren Aikido und mein 50jähriger Geburtstag steht an, also 3 runde Feiertage.


AJ: Hat die andere Seite der Familie auch etwas zu feiern?

R.: Das 10-jährige Dojo-Bestehen ist zugleich das 10-jährige professionelle Aikido-Tätigkeit und Dojo-Führung. Übringens als erste und bis heute einzige Frau in der Schweiz.


AJ: Wo habt Ihr mit dem Aikido begonnen?

D.: Ich begann 1972 in Belgrad mit Aikido – wir hatten keinen japanischen Lehrer vor Ort. In »kürzester« Distanz zu uns lebten die Japaner Hosokawa, Fujimoto und Tada – in Italien. Folglich reisten wir jahrelang nach Florenz, Mailand oder Rom, zu den bekannten grossen und kleinen Lehrgängen, mit einem oder allen dreien dieser vorgenannten Meistern. Sensei Y. Fujimoto war jahrelang Shihan unseres Landes. Unser Training wurde durch die Aufenthalte in Italien und die Stage (2mal pro Jahr) in Belgrad getragen. Prüfungen wurden von allen drei Sensei abgenommen.

Wir lebten von diesen Stage, saugten alles ein und waren sehr motiviert und enthusiastisch. Dabei haben wir alles von uns gegeben auch der »harte Körpereinsatz« blieb nicht aus. Das Fehlen der »Führung« vor Ort führte zu einer enormen Selbstständigkeit und Entwicklung, um überhaupt bestehen zu können. Auch »theoretische Sitzungen«, an welchen über verschiedene Texte und Bücher von O Sensei geredet und Meinungen ausgetauscht wurden, gehörten dazu.


AJ: Warum musste es vor 30 Jahren Aikido sein? Besonders, wenn ein Lehrer fehlte?

D.: Ja, Aikido war vollkommen unbekannt. Ich hatte zuvor auf dem Gymnasium zwei Jahre Karate geübt und hörte dann, es gibt da etwas geheimnisvoll Neues, das sehr interessant zu sein schien.

Ein Nachbar und Kollege von mir fing damit an und zeigte mir immer seine »neusten« Errungenschaften in Form von Griffen und Hebeln. Er war es, der mich anspornte, mitzumachen. Nach ca. zwei Monaten liess es mir keine Ruhe mehr und ich begann mich ernsthaft damit auseinander zu setzen und mitzumachen.

Die Begeisterung war von Anfang an sehr gross. Und erst recht als ich 1974 am Stage mit Sensei Tada in Belgrad teilnahm. Man traf immer wahrsinnig viele neue Leute. Das war ein grosses neues soziales Netz, sehr interessant. Alle meine besten Freunde habe ich dort gefunden. Man kann sagen, ich bin durch Zufall ans Aikido gekommen.


AJ: Nun, wenn man permanent Aikido übt, dann bleibt es nicht aus, dass sich daraus ein Freundeskreis entwickelt. 30 Jahre Aikido, 10 Jahre Dojo, Renata über 20 Jahre Aikido, die »Liebe auf der Tatami gefunden«?
R.: Ja, aber das ist »nicht wirklich interessant«, man lernt sich überall kennen, so auch auf der Matte. Wir kennen viele Paare, Sie kennen das sicherlich auch von Ihren Interviewpartnern. Diese »Verschränkungen«, die sich auf Männlein und Weiblein beziehen, sind mannigfaltig. Das Leben des Aikido ist durch die Eigenständigkeit des einzelnen bestimmt, unabhängig in welcher Beziehung man zu einander steht. Diese Parallele ist auch in anderen Tätigkeitsbereichen der Frauen und Männer zu finden. Dies scheint mir viel wichtiger und wie sich bei uns zeigt produktiver im Bestehen.


AJ: Weshalb ging es von Belgrad in die Schweiz?

D.: Es gab keinen besonderen Grund, wir sind 1986 in die Schweiz gekommen und eröffneten fünf oder sechs Jahre später unser Dojo. Von den internationalen Stages her hatten wir schon in den 70er Jahren Kontakte zu Aikidokas aus anderen Ländern, so auch aus der Schweiz.

Den Shihan (Association Culturelle Suisse d'Aikido) Sensei Ikeda kannten wir schon von verschiedenen Stages. So waren die Schweizer Aikidokas auch die ersten Kontakte, welche wir in der Schweiz hatten.


AJ: Wenn ihr 1986 in die Schweiz gekommen seid, bedeutet dies, dass Du, Renata, mindestens schon 6 Jahre Aikido praktiziert hast?

R.: Ja, in Belgrad. Ich hatte 1. Dan. Die Prüfungen habe ich bei Sensei Fujimoto gemacht.


AJ: Die Einreise in die Schweiz war kein Problem? In solchen Dingen ist die Schweiz doch bekanntlich sehr rigide.

R.: Nein, das war kein Problem.


AJ: Der Kontakt zur ACSA war nicht zufällig?

D.: Wir kannten durch unsere vielen Lehrgangsbesuche bereits einige Aikidokas aus der Schweiz, so auch Sensei Ikeda. Fujimoto hat Ikeda Sensei mindestens zweimal im Jahr nach Mailand eingeladen, so hatte ich immer eine Gelegenheit, ihn zu sehen.


AJ: Wie kam es zu der Idee, ein eigenes Dojo zu eröffnen?
R.: Nun, in Bern gibt es viele Dojos, aber zur damaligen Zeit waren die Räumlichkeiten nirgends so, dass wir uns hätten wohl fühlen können. Somit sahen wir uns gezwungen, unsere eigenen Räumlichkeiten zu suchen. Irgendwo unterzukommen, war nicht möglich, alle Abendstunden waren belegt, kein Sportklub, kein Verein hatte freie Kapazitäten.

So kam zum einen die Idee auf, selber anzufangen und ausserdem wurden wir auch von Aikidokas angesprochen und ermutigt, ein eigenes Dojo zu eröffnen. Meistens mit der Frage, können wir mit Euch kommen, wir möchten gerne mit Euch Aikido machen!

Dazu führte auch die Tatsache, dass es zu damaliger Zeit viele Dojos gab, welchen das »Wissen« fehlte. Für diese Zeit hatten wir hohe Gradierungen (3. und 1. Dan) und ein sehr fundiertes Aikido-Wissen. All das beeinflusste die Entscheidung zur Eröffnung des neuen Dojos. Zumal die Nachfrage gross war. So haben wir diese Räumlichkeiten gefunden und angemietet.

Erst später wurde uns bewusst, was für ein Risiko wir eingegangen sind. Rein finanziell war das eine »riesenhafte Sache«. Denn man darf nicht vergessen, das ist ein reines Aikido-Dojo und zwar von Beginn an. Sie wissen sicherlich, was dies bedeutet. Es war ein Riesenunterfangen, die gesamte Renovation und da war ja nur eine Handvoll Leute.

In den Räumen war vorher ein metallverarbeitender Betrieb, allein die Entsorgung und die Reinigung der Räume war ein Kraftakt für sich.

Wir hatten Glück, dass unser allererster Schüler sich daran machte, den ganzen Umbau zu organisieren und wir mit einer Handvoll Leuten diesen schliesslich bewältigen konnten.

D.: Am Anfang waren nur ca. 10-12 Personen im Training. Aber am Ende des ersten Jahres waren es ca. 110 Mitglieder. So konnten wir uns stabilisieren. Obwohl es in den Dojos immer eine starke Fluktuation gibt, hat sich ein fester Kern gebildet, der ein Überleben ermöglichte. In den ersten drei, vier Jahren hatten wir ca. 100 Neuanmeldungen pro Jahr.

Man darf dabei aber auch nicht vergessen, dass wir beide in den ersten sechs Jahren tagtäglich jedes Training zusammen machten, da gab es keine Erkältung und keine Müdigkeit. »Wie zwei kranke Pferde haben wir gezogen«, wie man in unserer Heimat sagt. Wir haben keine Mühe gescheut an jedem Training 200 % zu geben.

R.: Ja, der Motor war und ist der Enthusiasmus und die Motivation, Aikido zu machen, nicht mehr und nicht weniger.

D.: Einige der Danträger, die jetzt hier Training geben, stammen aus dieser Anfangsphase. Heutzutage ist es nämlich oft schwierig, dass ein Schüler länger als fünf Jahre dabei bleibt. Aber aus den ersten zwei Jahren ist uns ein kleiner Stamm erhalten geblieben.


AJ: Differenzen – oder dass jemand abspringt, hat man immer, die Frage ist ...

R.: Eines unserer obersten Prinzipien ist Offenheit und Akzeptanz des Anderssein. Wir respektieren die Persönlichkeiten, dadurch »bleiben die Türen offen«. Selbstverständlich gibt es Abgänge, es gibt Leute, die irgendwann sagen, nein, Aikido gefällt mir nicht, bis hin zum Wegzug, bedingt durch Ausbildung oder Heirat oder auch: »ich bin nicht mehr motiviert«. Es gibt natürlich auch bei uns die ganze Palette der Menschlichkeit, wir sind da keine Ausnahme.

D.: Ein weiterer wichtiger Standpunkt ist, dass wir den Menschen so respektieren wie er ist. Dass er seine Persönlichkeit weiter entwickelt und nicht sein ganzes Leben lang das tut, was wir sagen. Sicherlich, unsere Schüler bleiben immer unsere Schüler, doch wir versuchen natürlich auch, ihr Denken zu fördern, nichts zu unterdrücken und ihnen dabei zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden. Wir fördern ausserdem die Kommunikation im Dojo – dadurch kommt Leben rein.

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